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HAMBURGER ABENDBLATT, 09/04/2002print



Von Mathias Eberenz

Hamburger packen Stahlwerk ein

 

TRANSPORT Wie die Spedition Rohde & Liesenfeld die größte Demontage-Aktion in der Industriegeschichte organisiert.

 

Knapp zwei Jahre haben die Profis der Hamburger Transportlogistikfirma Rohde & Liesenfeld Zeit - dann muss die komplette Dortmunder Westfalenhütte mit ihren monströsen Hochöfen, riesigen Walzwerken und gewaltigen Krananlagen nach China verfrachtet sein. Das sind rund 250.000 Tonnen ThyssenKrupp-Stahl, verteilt über die Größe von 250 Fußballfeldern. Eine gigantische Aufgabe. Die größte Demontage-Aktion der Industriegeschichte.

 

„Könnte man sämtliche Teile in Containern unterbringen und aneinanderreihen, würde das eine Kette von 110 Kilometern Länge ergeben", rechnet Bernd Majewski vor. Der 59-Jährige ist Projektleiter bei Rohde & Liesenfeld und organisiert den Transport der insgesamt 500 000 Tonnen Frachtgut. Auftraggeber ist der Stahlwerkbetreiber Shagang, der das Werk im vergangenen Jahr gebraucht von ThyssenKrupp gekauft hat. Ein gutes Geschäft für beide Seiten: Die Deutschen sparen die Demontagekosten, die Chinesen können demnächst Autobleche made in Germany produzieren.

 

Natürlich will auch Rohde & Liesenfeld am Umzug der Stahlhütte verdienen. Majewski, der zugleich Prokurist seiner Firma ist, spricht von einem „zweistelligen Millionenbetrag", den man umsetzen werde. „Das Ergebnis harter Verhandlungen", wie er betont. Immerhin gab es für den Auftrag ein Dutzend Mitbewerber. Doch am Ende hatten die Hamburger die Nase vorn. „Der Knackpunkt war der Transport zum Binnenhafen in Dortmund, die vielen Brücken mit ihren Höhen- und Gewichtsbeschränkungen - da waren wir sehr gut vorbereitet", erinnert sich der gelernte Speditionskaufmann an die Gespräche. Vier Monate, von November bis Februar, war er zuvor in China, den Dolmetscher immer an seiner Seite.

 

Jetzt steckt er mittendrin in der Umsetzung des Projekts, reist einmal die Woche nach Dortmund, nach „Chinatown", wie die Westfalenhütte mittlerweile genannt wird. Denn das 131 Jahre alte Werk, das im März 2001 stillgelegt wurde und in dem zu besten Zeiten 40 000 Arbeiter rund um die Hochöfen schufteten, ist inzwischen fest in asiatischer Hand. Insgesamt 1200 Arbeiter und Ingenieure aus China wohnen in alten Bürogebäuden, die zu Schlafsälen umfunktioniert wurden. Tag und Nacht klettern sie zwischen einem Gewirr aus Rohren und Leitungen umher, demontieren panzerschwere Motoren und Hochofenteile von der Größe einer Kleinstadtkirche, rollen kilometerlange Kabelstränge auf und verfrachten elektronische Schaltschränke.

 

Nachts fahren dann riesige Spezialtransportlaster unter Polizeibegleitung die rund zehn Kilometer vom Werksgelände zum Dortmunder Hafen. „Das kann schon mal fünf Stunden dauern, wenn die Fahrzeuge mit 55 Meter langen und 100 Tonnen schweren Kranbrücken beladen sind", sagt Majewski. Per Schiff geht die Reise weiter nach Antwerpen, dann mit einem großen Seeschiff in den chinesischen Hafen Zhanjiagang nördlich von Shanghai. Dort, am Ufer des Yangtse, setzen 2000 Arbeiter das größte Puzzle der Geschichte schließlich wieder zusammen.

 

Wenn alles geschafft ist, wartet auf Bernd Majewski bereits die nächste Mammutaufgabe. Vielleicht muss eine Zementfabrik nach Libyen gebracht werden, oder eine Chemiefabrik nach Chile. Die Ausschreibungen laufen schon. Und Rohde & Liesenfeld hat wieder gute Karten. „Alles, was nicht in Container passt, interessiert uns", sagt Majewski.

 

SPEZIALIST FÜR ÜBERGRÖSSEN

 

Die 1954 gegründete Hamburger Logistikfirma Rohde & Liesenfeld beschäftigt 850 Mitarbeiter in 34 Ländern. 250 davon arbeiten in Hamburg. 2001 setzte das familiengeführte Unternehmen 443 Milionen Euro um. Die Hamburger sind auf Großprojekte spezialisiert, etwa den Transport kompletter Industrieanlagen wie Brauereien, Stahl- oder Chemiewerke. Dabei verfügt die Firma aber nicht über eigene Schiffe oder Lkw.



Über R&L

 

R&L ist ein internationales Transportlogistikunternehmen. Es wurde 1954 in Hamburg gegründet. > mehr


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