| HAMBURGER ABENDBLATT, 06/01/2002 | |
Von Frank Binder
Rückkehr nach Manhattan
Hamburger Unternehmen R&L hatte Büro im zerstörten World Trade Center
Jetzt wurde die USA-Zentrale wieder eröffnet
Während namhafte Finanzkonzerne wie Morgan Stanley oder Goldman Sachs nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 Manhattan wegen Sicherheitsbedenken verlassen werden ist eine Hamburger Firma jetzt an den Ort des Schreckens zurückgekehrt. Das international tätige Transport- und Logistikunternehmen Rohde & Liesenfeld (R&L) hat nach dem Totalverlust der New Yorker Zentrale im 32. Stock des World Trade Centers ein neues Büro in der Hauptstadt des Weltfinanzsystems eröffnet. Rohde & Liesenfeld sitzt seit Anfang dieses Monats an der 8th Avenue im ehemaligen Garment-Viertel. Hier, nur rund drei Kilometer vom Ground Zero entfernt, wurden 556 Quadratmeter in der 17. Etage eines Bürohauses bezogen.
„Damit endet eine Zeit, in der die Mitarbeiter seit dem 18. September auf engstem Raum in einem Not-Übergangsquartier am John F Kennedy Airport gearbeitet haben", sagte R&L-Firmenchef Bodo Liesenfeld der WELT. Zum Teil hatten die Beschäftigten Wegezeiten von und zum Büro von bis zu vier Stunden am Tag auf sich nehmen müssen. In Stoßzeiten habe es sogar noch länger gedauert. Der Hauptgrund für die neue Adresse in Manhattan sei die gute Verkehrsanbindung.
Seine Firma setzt damit ein Signal gegen den seit dem 11. September beschleunigten Abwanderungstrend wichtiger Unternehmensteile. So baut Goldman Sachs derzeit einen Bürokomplex in New Jersey. In zwei Jahren will die Investmentbank ihren gesamten Aktienhandel dorthin verlegen. Und Morgan Stanley, noch größter Aktienhändler Manhattans, will künftig in Westchester County residieren. In der ehemaligen Zentrale von Chevron Texaco - gut 40 Kilometer nördlich von Manhattan.
Zur Zeit des Anschlags waren sieben Mitarbeiter von Rohde & Liesenfeld in den Räumen des World Trade Centers. Alle hatten den Nordturm vor dem Einsturz des Wolkenkratzers unbeschadet verlassen können. „Doch die Schockzustände und traumatischen Folgen sind teilweise erheblich", erklärte Liesenfeld. Einige Beschäftigte haben die Arbeit nicht fortsetzen können, viele seien in psychotherapeutischer Behandlung, bedauert der Unternehmer. Außerdem seien unter den insgesamt 27 Angestellten auch zwei Opfer zu beklagen. So erlag die Leiterin der Importabteilung, Inga Joseph, die sich zum Zeitpunkt des Anschlages im Gebäude auf dem Weg zu ihrer Firma befunden hatte, drei Wochen später ihren schweren Verletzungen, berichtete Liesenfeld. Und der Expedient Eddie Reyes gilt immer noch als vermisst.
Nach der Vernichtung des World Trade Centers war bei Rohde & Liesenfeld im September der Umsatz um etwa 50 Prozent eingebrochen, normalisierte sich laut Liesenfeld in den Folgemonaten aber langsam wieder auf das ursprüngliche Niveau von rund 65 Millionen Euro. Insgesamt erwirtschaftet das 1954 gegründete Unternehmen weltweit einen Umsatz von 425 Millionen Euro. Den materiellen Schaden durch den Anschlag bezifferte Liesenfeld auf etwa 500 000 Euro.
R&L gehört mit mehr als 70 Büros in 34 Ländern und rund 850 Mitarbeitern zu den Großen der Branche. Die Zentrale der Gesellschaft hat ihren Sitz am Alstertor.



